Meinen 40. Geburtstag habe ich auf der CeBIT verbracht. Es hat sich gelohnt.

Am 19. März 2015 habe ich meinen 40. Geburtstag auf der CeBIT verbracht.

Nicht weil ich musste. Sondern weil wir an diesem Tag etwas präsentiert haben, das ich seit über einem Jahr durch interne Widerstände, Eskalationen und endlose Abstimmungsschleifen getrieben hatte: einen BI-Chatbot. Ein System, das Geschäftsdaten über natürliche Sprache abfragbar machte — direkt aus der Datenbank, in Echtzeit, über eine Messenger-App.

Heute nennt man das conversational BI. Damals hatte es keinen Namen.

Die Idee war klar. Die Umsetzung war es nicht.

Der Geschäftsführer hatte eine präzise Vision: Wer eine Frage hat, soll sie stellen können. Wie auf dem Handy. Ohne Schulung, ohne Klickpfade, ohne Abhängigkeit von jemandem, der den Bericht erst bauen muss. Er hat mich mit dem Projekt betraut — direkt, ohne Umweg über die üblichen Strukturen.

Technisch bedeutete das: ein Chat-Interface mit natürlicher Spracheingabe, verbunden mit einer multidimensionalen Datenbank, die in Echtzeit auf parametrisierte Abfragen antwortet. Kein statisches Dashboard. Kein Export. Direkte Antwort auf direkte Frage.

Das war Anfang 2014. GPT-3 erschien 2020. ChatGPT 2022.

Das eigentliche Problem war intern

Meine Rolle war Projektleitung auf der Business-Seite: Anforderungen definieren, Entwicklung steuern, Marketing aufbauen, Pilotkunden betreuen. Kein Code. Aber volle Verantwortung.

Und das hat vielen nicht gepasst.

Das Projekt kam direkt von der Geschäftsführung — nicht aus dem Entwicklungsteam, nicht aus dem Produktmanagement. Es hatte kein organisches Backing in der Organisation. Das Ergebnis: fehlende Kooperation, verzögerte Zulieferungen, Eskalationen die mehrfach bis zur Geschäftsführung getragen werden mussten.

Was ich daraus gelernt habe: Technische Innovation scheitert selten an der Technik. Sie scheitert an Ownership. Wer ein Projekt nicht will, findet Wege es zu verlangsamen — auch ohne ein einziges Nein auszusprechen.

Von der Idee bis zum Pilotkunden

Das Produkt hieß intern C8 Snack — der weltweit erste Instant-BI-Reporting-Service über eine Messenger-App. Keine KI im heutigen Sinne, keine neuronalen Netze. Regelbasierte Sprachverarbeitung mit strukturierter Datenbankabfrage dahinter. Aber das Ergebnis war funktional identisch mit dem, was heute als conversational BI vermarktet wird: eine natürlichsprachliche Schnittstelle zu Unternehmensdaten.

Ich habe das gesamte Produktmarketing entwickelt: Positionierung, Messaging, Sales-Enablement-Materialien, Präsentationen. Und ich habe den ersten Pilotkunden aus dem Medizintechnikbereich betreut — ERP-System mit der BI-Plattform verbunden, Live-Verkaufsverfolgung für ein neu lanciertes Produkt, weltweit, in Echtzeit.

Am 19. März 2015 — meinem 40. Geburtstag — haben wir das auf der CeBIT präsentiert. Hannover, weltgrößte IT-Messe, starke Presseresonanz.

Cubeware hat C8 Snack am 23. April 2015 offiziell gelauncht. Ich war bereits dabei, bevor es einen Produktnamen gab.

Was das bedeutet, rückblickend betrachtet

Ich erzähle diese Geschichte nicht, um zu sagen, ich hätte ChatGPT erfunden. Das wäre absurd.

Aber ich erzähle sie, weil sie ein Muster zeigt, das ich seitdem immer wieder beobachte: Die technologischen Konzepte, die heute als Disruption gelten, lagen schon länger in irgendwelchen Schubladen. Was sie in die Welt bringt, ist selten die Erfindung — es ist die Bereitschaft, in einem Moment umzusetzen, in dem die Infrastruktur noch nicht fertig ist, die Skepsis groß ist und die interne Unterstützung fehlt.

Heute würde ich dasselbe System mit einem LLM aufbauen und in Wochen deployen, nicht in Monaten. Die Technologie ist eine andere. Was sich nicht verändert hat: der interne Widerstand gegen Dinge, die nicht im Plan stehen. Die Notwendigkeit, ein klares Mandat zu haben und es auch zu nutzen. Und der Wert davon, eine Idee trotzdem zu Ende zu bringen — auch wenn die Bedingungen dagegen sprechen.

Was das für B2B-Marketing bedeutet

Wer heute KI im B2B kommuniziert, hat ein Problem, das 2014 noch nicht existierte: Jeder kommuniziert es. Die Differenzierung entsteht nicht mehr durch das Thema selbst — sondern durch die Tiefe, mit der man es besetzt.

Wer erklärt, wie KI in einem spezifischen Geschäftsprozess Entscheidungsqualität konkret verändert, differenziert sich. Wer „KI-gestützt“ als Adjektiv einsetzt und nichts erklärt, tut das Gegenteil: Er klingt wie alle anderen und liefert dem Entscheider keinen Grund, genauer hinzusehen.

Das war 2015 noch anders. Damals war allein die Idee, Unternehmensdaten über natürliche Sprache abzufragen, ausreichend distinktiv. Heute ist die Idee Commodity — die Ausführung ist alles.

Ich habe das an meinem 40. Geburtstag auf der CeBIT zum ersten Mal live erlebt. Lieber zu früh als nie.


Martin Lehofer ist Marketing- und Growth-Leader mit 15+ Jahren B2B-Erfahrung im Enterprise-Umfeld. Er entwickelt GTM-Strategien, Marken und Teams — mit Fokus auf Cloud, AI und Data im DACH-Markt.

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