Die Analyse war richtig. Die Entscheidung fiel trotzdem anders.
Es gibt einen Satz, den man im Marketing selten hört, weil er unbequem ist: Eine gute Analyse ist eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für eine richtige Entscheidung.
Ich habe das an einem konkreten Fall gelernt — inklusive der Pointe, die die meisten Erfolgsgeschichten auslassen würden.
Der Auftrag
In einem größeren IT-Konzern gab es die Notwendigkeit, die Marktpotenziale im DACH-Raum zu bewerten — als Entscheidungsgrundlage für weitere Investitionen in Infrastruktur. Kein Nischenthema, keine Fingerübung: eine Investitionsentscheidung mit spürbarer Größenordnung.
Kein externes Analysten-Budget für mich. Keine zusätzliche Kapazität. Die Analyse musste ich eigenverantwortlich erstellen, parallel zu meinen laufenden Aufgaben, und sie musste auf Konzernebene überzeugen.
Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht wusste: Die Konzernleitung hatte — ohne mein Wissen — parallel externe Analysten mit derselben Fragestellung beauftragt. Für eine erhebliche Summe.
Die Analyse
Ich habe den Markt eigenständig ausgewertet und eine Präsentation als Entscheidungsgrundlage erstellt. Ohne Analysten-Zugriff, ohne Auftragsteam, ohne den Rückhalt eines externen Mandats — mit den Daten, die zugänglich waren, und der Zeit, die zwischen den eigentlichen Aufgaben übrig blieb.
Als beide Ergebnisse auf dem Tisch lagen, zeigte sich: Meine Analyse deckte sich vollständig mit der der beauftragten externen Analysten.
Das war in zweierlei Hinsicht bemerkenswert. Es validierte die eigene Arbeit — ohne Budget, ohne Team, zum gleichen Ergebnis wie ein bezahltes externes Mandat. Und es warf beim Auftraggeber des externen Mandats die naheliegende Frage auf, warum diese Summe überhaupt nötig war.
Die Entscheidung — und die Rücknahme
Auf Basis meiner Analyse erteilte die Konzernleitung eine Investitionszusage für die Erweiterung der Infrastruktur im DACH-Raum.
Das ist der Punkt, an dem die meisten Fallstudien enden. Bei mir nicht.
Die Entscheidung wurde in der Folge zurückgezogen — auf Druck aus der Konzernzentrale. Nicht, weil die Analyse fehlerhaft war. Nicht, weil sich die Marktlage geändert hätte. Sondern aus konzernpolitischen Gründen, die mit der Qualität der Arbeit nichts zu tun hatten.
Zwei unabhängige Analysen kamen zum selben Schluss. Die Entscheidung fiel trotzdem anders.
Was das bedeutet
Wer im Marketing oder in der strategischen Analyse arbeitet, lernt früh, dass gute Arbeit überzeugt. Das stimmt — bis zu dem Punkt, an dem die Entscheidung nicht mehr in der Sache verhandelt wird, sondern in der Konzernpolitik.
Das ist keine Ausrede für schlechte Analysen. Schlechte Analysen verlieren zurecht. Aber die Umkehrung stimmt nicht: Eine richtige Analyse gewinnt nicht automatisch. Sie verschafft einem eine Position — mehr nicht. Was aus dieser Position wird, entscheidet sich oft an einer Stelle, die mit der Analyse selbst nichts mehr zu tun hat.
Wer das nicht einkalkuliert, verwechselt analytische Richtigkeit mit organisatorischer Durchsetzungskraft. Das sind zwei verschiedene Fähigkeiten. Ich hatte in diesem Fall die erste. Die zweite lag außerhalb meines Einflussbereichs — und das war auch keine Niederlage, die ich hätte verhindern können.
Martin Lehofer ist Marketing & Growth Leader mit Fokus auf B2B-Technologie im DACH-Raum. Auf lehofer.com schreibt er über GTM-Strategie, Positionierung und die Realität von Entscheidungsprozessen im Enterprise-Umfeld.